Auswirkungen einer möglichen Klimaänderung auf den Alpinismus


Hütten

"Durch das Einsinken der Gletscheroberfläche entstehen Felsstürze und schwere Steinschläge an den Flanken über dem Gletscher, wo bisher der Druck des Gletschereises oder das Eis des Permafrostes in den Gesteinsklüften ein Abbrechen verhinderte."

Jäckli, 1957

Hüttenzugang

Unternimmt man heute eine Berg- oder Skitour im Berner Oberland und steigt nach der Besteigung des Aletschhorns oder der Jungfrau mit müden Gliedern die Treppen der Stahlleitern zur Konkordiahütte des SAC (2850 m) hinauf, so denkt man lieber nicht daran, dass einem dieser Zustieg beim Bau der Hütte im Jahre 1877 erspart geblieben wäre. Damals lag die "Alte Hütte" nur 50 m über dem grössten Eisstrom der Alpen. Seit 1880 hat der Aletschgletscher im Mittel 0.29 m/a an Eismächtigkeit verloren (Aellen 1993). 370 Treppenstufen und 150 Höhenmeter trennen heute die Gletscheroberfläche von der beliebten Übernachtungsmöglichkeit, und jedes Jahr werden es mehr, denn seit der Mitte dieses Jahrhunderts beträgt das durchschnittliche Einsinken der Gletscheroberfläche am Konkordiaplatz 0.6 m/a (GEOTEST & VAW 1993). 1996 lag die Gletscheroberfläche beim Felseinstieg zur Konkordiahütte zwischen 2685 und 2700 m.

Ursprünglich führte der Weg auf gut begehbaren Felsbändern hinauf zur Hütte. Durch das stetige Absinken des Gletschers wurde der Hüttenzustieg anfänglich mit einer Leiter, die allerdings fortwährend versetzt werden musste, gewährleistet. Durch das zunehmende Abschmelzen des Gletschers trat dann aber ein Felscouloir zutage, das den Zustieg südlich davon durch Steinschlag gefährdete. 1945 mussten erste Sprengungen für die Verlegung des Hüttenweges vorgenommen werden. Im Jahre 1965 wurde der Hüttenzugang mit Hilfe von 9 Leitern und 2 Brücken aus Holz in die Felsen nördlich des grossen Couloirs verlegt. Zehn Jahre später wurden die Holzleitern bei unveränderter Linienführung durch Metalltreppen ersetzt.

Im Hinblick auf eine Gesamtsanierung stellte sich 1993 die Frage nach einem Standortwechsel der Konkordiahütte. Einer der Hauptgründe dafür war der momentane Zustand des Hüttenzuganges, der wegen Bewegungen in der oberen Platte keine genügende Sicherheit gewährleistete (GEOTEST & VAW 1993). Durch den Gletscherrückzug ändert das thermische Umfeld dieser nordexponierten Felswand. Während die Talflanke früher vom temperierten Gletschereis umgeben war, ist sie heute der Witterung und Talklüftung ausgesetzt. Die Oberflächentemperatur der Felswand hat sich unter den Gefrierpunkt abgekühlt und liegt nun in der Permafrostzone (Wegman et al. 1998).

Falls der Trend seit 1945 linear erhalten bliebe, würde sich die Gletscheroberfläche beim Zustieg zur Konkordiahütte in den kommenden 50 Jahren um weitere 27 m absenken. Seit Mitte der achtziger Jahre hat die Eismächtigkeit des Aletschgletschers jedoch verstärkt abgenommen. Falls sich diese Entwicklung linear fortsetzte, würde die Absenkung in 50 Jahren 87 m betragen. Am wahrscheinlichsten scheint eine mittlere Absenkungsrate von 1 m/a (GEOTEST & VAW 1993).

Nach dem Beschluss, die Konkordiahütte am alten Standort lassen, musste die lose Platte anfangs zusätzlich gesichert werden. Später wurde der Zustieg nach Westen in den gesunden Fels verlegt. 1995 wurde die Metalltreppe im unteren Teil weiter verlegt und verlängert.

Dies ist nicht das einzige Beispiel einer Berghütte, die im letzten Jahrhundert am Gletscherrand erbaut wurde und heute nur noch über etliche Stahlleitern erreichbar ist. Der Unteraargletscher ist neben dem Rhonegletscher eines der ältesten Untersuchungsobjekte der Glaziologen: Zwischen 1840 und 1846 wurden unter der Leitung von J. L. R. Agassiz erste genaue Vermessungen des Gletschers durchgeführt und dabei jahreszeitliche Schwankungen der Fliessgeschwindigkeit nachgewiesen. So wurde die Lauteraarhütte des SAC (2392 m) im vergangenen Jahrhundert als Unterschlupf für Alpinisten, Bergwanderer und Gletscherforscher am orographisch linken Rand etwa 100 m oberhalb der Gletscheroberfläche gebaut. Seit seinem letzten Hochstand am Ende der kleinen Eiszeit um 1871 wird der gesamte Massenverlust des Unteraargletschers der darauffolgenden 100 Jahre auf 2.3 km3 geschätzt, was einem mittleren Höhenverlust von 0.67 m/a entspricht (Haefeli 1967). Im Zungengebiet verlor der Gletscher im Zeitraum 1924-1992 (Flotron) im Mittel zwischen 0.8 m/a und 1.2 m/a (Aellen 1993). Heute befindet sich die Gletscheroberfläche rund 200 m unterhalb der Hütte. Einziger Zeuge für die früheren Eisverhältnisse ist der markante Farbwechsel des Aaregranites, der sich unterhalb der Lauteraarhütte den Talflanken entlangzieht.

Klima und Alpinismus im Wandel der Zeit: Nahmen unsere Vorfahren auf ihren Pionierfahrten um die Jahrhundertwende den mühsamen Anstieg in eine unbewirtete Konkordia- oder Lauteraarhütte mit fellosen Holzlatten und Proviant und Holz auf dem Buckel unter die Füsse, so hat sich im Verlaufe dieses Jahrhunderts, was Technik, Ausrüstung und Hüttenkomfort anbelangt, doch einiges zugunsten unserer Bequemlichkeit geändert. Bis auf die Stahltreppen...

Konkordiahütte 1920
Konkordiahütte 1998

Abb. 5a und 5b: Die Konkordiahütte (SAC) um 1920 und im August 1998. In dieser Zeit hat sich der Aletschgletscher beim Konkordiaplatz um etwa 100 m abgesenkt (Foto 5a: F. Rohr, Alpines Museum Bern, Foto 5b: Ch. Bleuer).

Wasserversorgung

Gletscherrückzug und abnehmende Winterschneehöhen können sich auch negativ auf die Wasserversorgung von Hütten in unserem Alpenraum auswirken. Dies zeigt die Wasserproblematik der Weisshornhütte des SAC (2932 m) die sich in den letzten Jahren weiter zugespitzt hat. Über eine Distanz von 600 m wird Schmelzwasser vom nordwestlich gelegenen Schaligletscher zur Hütte geleitet. Der Gletscher, der sich auf einer Felsrippe befindet, zieht sich jedoch immer weiter von der Kante zurück. Zusätzlich fällt die winterliche Schneedecke immer geringer aus, der Schnee verfirnt sich nicht mehr und schmilzt oft schon anfangs Sommer dahin. Da sich das Schmelzwasser nun immer mehr aus "verschmutztem" Gletschereis und Gletscherschliff anstatt verfirntem Winterschnee zusammensetzt, hat sich die Wasserqualität in den letzten fünf Jahren zusehends verschlechtert. Mit Hilfe einer Kammer aus Chromstahl auf halber Strecke wurde durch eine Absetzung der Feinfraktion (Sand, Silt und Ton) versucht, das Wasser zu reinigen. Da dieses Resultat nur mässig befriedigend ausfiel, müssen in naher Zukunft weitere Massnahmen getroffen werden.